......Vielleicht war es nur ein Beschützerinstinkt, der lange verschüttet gewesen war - der Starke für die Schwache. Dieses Mädchen wirkte zarter als seine Mitschülerinnen. Ihre Haut war so durchscheinend; kaum vorstellbar, dass sie ihr großen Schutz vor der Außenwelt bieten konnte. Unter der reinen, blassen Haut sah ich, wie das Blut rhythmisch durch die Adern gepumpt wurde … Darauf sollte ich mich lieber nicht konzentrieren zwar fiel mir das Leben, das ich gewählt hatte, nicht schwer, doch ich war ebenso durstig wie Jasper und es war nicht ratsam, mich in Versuchung zu bringen. Zwischen ihren Augenbrauen hatte sie eine kleine Furche, deren sie sich nicht bewusst zu sein schien. Es war so frustrierend! Ich sah genau, dass es eine Qual für sie war, dazusitzen, sich mit fremden Leuten zu unterhalten und im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Die Haltung ihrer zarten Schultern verriet Schüchternheit - leicht gebeugt, als rechne sie jeden Moment mit einer Zurückweisung. Und doch konnte ich nur raten, nur sehen, nur vermuten. Nichts als Schweigen von diesem so gewöhnlichen Menschenkind..........
...ich war ein Vampir, und sie hatte das süßeste Blut,das ich in den letzten achtzig Jahren gerochen hatte.Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass es einen solchen Duft geben könnte. Hätte ich das gewusst, hätte ich mich schon vor langer Zeit danach auf die Suche gemacht. Ich hätte die ganze Erde nach ihr durchkämmt. Ich konnte mir den Geschmack vorstellen ...Wie Feuer brannte mir der Durst in der Kehle. Mein Mund war ausgetrocknet und klebrig. Das Einschießen des Gifts half nicht, dieses Gefühl zu vertreiben. Als Antwort auf den Durst krampfte sich mein Magen vor Hunger zusammen. Meine Muskeln spannten sich zum Sprung. Nicht einmal eine Sekunde war vergangen. Sie war noch mitten in dem Schritt, der mir ihren Duft entgegengeweht hatte. Als ihr Fuß den Boden berührte, schaute sie verstohlen, wie sie meinte, zu mir herüber. Ihr Blick traf meinen, und ich sah mich in ihren großen Augen gespiegelt. Der Schreck in dem Gesicht, das ich darin sah - mein Gesicht -, rettete ihr für ein paar qualvolle Augenblicke dann das Leben. Sie machte es mir nicht leichter. Als sie meinen Gesichtsausdruck registrierte, schoss ihr wieder das Blut in die Wangen und färbte ihre Haut in der köstlichsten Farbe, die ich je gesehen hatte. Ihr Duft hing wie ein dicker Nebel in meinem Gehirn, durch den ich kaum denken konnte. Meine Gedanken rasten, waren unzusammenhängend, entzogen sich meiner Gewalt. Sie ging jetzt schneller, als hätte sie begriffen, dass sie fliehen musste. Vor lauter Eile wurde sie ungeschickt -sie stolperte, wankte und fiel dabei fast auf das Mädchen vor mir. Schwach und verwundbar. Sogar noch mehr als gewöhnliche Menschen. Ich versuchte mich auf das Gesicht zu konzentrieren, das ich in ihren Augen gesehen hatte, ein Gesicht, das ich mit Abscheu erkannte. Das Gesicht des Monsters in mir - das Gesicht, gegen das ich in Jahrzehnten der Anstrengung und kompromisslosen Disziplin angekämpft hatte. Wie mühelos es jetzt zu Tage trat! Ihr Duft umschwirrte mich wieder, verwirrte meine Gedanken und schleuderte mich fast aus dem Stuhl. Nein. Ich fasste mit einer Hand unter die Tischkante und versuchte mich auf dem Stuhl zu halten. Das Holz war dem nicht gewachsen. Die Strebe brach und ich hatte die Hand voll bröseliger Splitter. Im verbliebenen Holz zeichneten sich meine Finger ab. Spuren verwischen. Das war eine Grundregel. Schnell zerrieb ich mit den Fingerspitzen die Umrisse des Abdrucks und hinterließ nur ein ungleichmäßiges Loch und ein Häufchen Sägespäne auf dem Fußboden. Ich verteilte sie mit dem Fuß. Spuren verwischen. Kollateralschaden …Ich wusste, was jetzt geschehen musste. Das Mädchen würde sich neben mich setzen und ich musste es töten. Die unschuldigen Zuschauer im Klassenzimmer, achtzehn weitere junge Menschen und ein Mann, durften den Raum nicht verlassen, wenn sie das mit angesehen hatten, was sie gleich sehen würden. Beim Gedanken an das, was ich tun musste, zuckte ich zusammen. Selbst in meinen schlimmsten Zeiten hatte ich nie so eine Gräueltat begangen. Ich hatte noch nie Unschuldige getötet, in mehr als acht Jahrzehnten nicht. Und jetzt plante ich zwanzig auf einen Streich abzuschlachten. Das Gesicht des Monsters in meinen Gedanken verhöhnte mich. Auch wenn ein Teil von mir vor dem Monster erschauerte, ein anderer Teil plante die Tat. Wenn ich das Mädchen als Erstes tötete, hätte ich nur fünfzehn oder zwanzig Sekunden mit ihr, bevor die anderen reagieren würden. Vielleicht ein wenig länger, falls sie nicht gleich merkten, was ich tat. Ihr würde keine Zeit bleiben zu schreien oder Schmerz zu empfinden; ich würde sie nicht brutal ermorden. So viel konnte ich für diese Fremde mit dem furchtbar begehrenswerten Blut tun. Doch dann musste ich die anderen an der Flucht hindern. Wegen der Fenster brauchte ich mir keine Sorgen zu machen, zu hoch und zu klein für eine Flucht. Blieb also nur die Tür - wenn ich die versperrte, saßen sie in der Falle. Wenn sie in Panik gerieten und wild durcheinander rannten, würde es schwieriger und langwieriger sein, sie alle zu überwältigen. Nicht unmöglich, aber es würde viel Lärm machen. Zeit für jede Menge Geschrei. Irgendjemand würde etwas hören … und dann wäre ich gezwungen, in dieser schwarzen Stunde noch mehr Unschuldige zu töten. Ihr Duft war eine Strafe, er verschloss mir die trockene, schmerzende Kehle